Das holistische synergetische Denken
und seine Vorganger im russischen Kosmismus

Helena Knyazeva
Institut fur Philosophie, Russische Akademie der Wissenschaften,
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Der Artikel wurde in folgendem Buch veroffentlicht:
Das Neue Denken im Westen und Osten. Sammelband von Vortragen und Beitragen
der internationalen wissenschaftlischen Konferenz
29. Juni bis 1. Juli 1999. St.Petersburg: Nestor-Verlag, 2000. S. 37-53.

Einige philosophische Folgerungen der Synergetik, einer interdisziplinaren Theorie der Evolution und Selbstorganisation komplexer nichtlinearer Systeme, werden in diesem Artikel zur Diskussion gestellt. Die Synergetik ist ihrem Wesen nach eine holistische Theorie, und der Holismus ist die Philosophie der Zukunft. Aus synergetischer Schau heraus konnen die bekannten Vorstellungen der russischen Kosmisten (N.A.Berdjaev, S.N.Bulgakov, P.A.Florenskii, V.S.Solovijov, N.A.Umov, W.N.Wernadskii, K.E.Ziolkovskii) uber die Rolle des Chaos in der Evolution und die aktive schopferische Tatigkeit des Menschen, Samen des Lebens, die auf dem Weltall ausgesat werden, die Ganzheit der Biosphare und der Noosphare und die zielgerichtete Erschlie?ung neuer Medien des Wohnens u.a. auf neue Art ausgelegt werden.
Weil die Synergetik eine interdisziplinare Theorie ist, konzentriert sie ihre Aufmerksamkeit auf allgemeingultige Gesetzma?igkeiten der Selbstorganisation, der Strukturbildung und der Koevolution komplexer Systeme jeder beliebigen Art. Eine allgemeine Auffassung uber die konstruktiven Prinzipien der Koevolution der Natur und der Menschheit, souveraner Staaten und verschiedener geopolitischer Regionen in eine Weltgemeinschaft, die Vereinigung des Westen und des Osten, des Norden und des Suden kann entwickelt werden. Die Synergetik entdeckt die Prinzipien der nichtlinearen Synthese komplexer Systeme "verschiedener Altersstufen" in ein komplexes Ganzen: 1) das Vorhandensein von unterschiedlichen, aber keinen beliebigen Weisen der Vereinigung relativ einfacher Strukturen in eine komplexe Struktur, 2) die Bedeutung einer richtigen Topologie, einer Konfiguration bei der Vereinigung des Einfaches in das Komplexe, 3) die Integration der Strukturen als verschiedener Tempowelten, 4) die Moglichkeit - im Falle der richtigen Topologie der Vereinigung - der bedeutenden Okonomie der materiellen und geistigen Ausgaben und der Beschleunigung der Evolution des Ganzen.


Die Probleme der Ganzheit und des Zieles in ihrer verschiedenen Aspekten stehen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Synergetik, dieser modernen Theorie der Selbstorganisation komplexer nichtlinearer Systeme. Die Synergetik ist ihrem Wesen nach eine holistische Theorie, und der Holismus ist eine Grundlage des neuen Denkens des XXI. Jahrhunderts.
Professor H.Christof Gunzl, der in der Erforschung des neuen Denkens viel beigetragen hat, hat mehrmals den holistischen Charakter der neuen Weltanschauung und der neuen Denkweise betont. "Der Satz "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile" steht im Mittelpunkt des Neuen Denkens und stellt dessen zentrales Problem dar, - schreibt er. - … Fortschritt ist im wesentlichen ein Integrationsproze?… Die Evolution ist die gro?e Synthese. Sie zeigt uns das Universum als ein einziges in Entwicklung befindliches Ganzes, dessen Ziel Einheit in Liebe hei?t" . Die Synergetik erklart, warum das evolutionierende Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist und was fur evolutionaren Mechanismen dem Integrationsproze? zugrunde liegen.
Laut ihres Grunders, Prof. Hermann Haken, untersucht die Synergetik die Entstehung neuer Eigenschaften in komplexen nichtlinearen Systemen durch das Zusammenwirken derer Elemente. Mit dem Stichwort 'Zusammenwirken' ist bereits die Schlusselrolle der Synergetik, eben der Lehre vom Zusammenwirken, von kooperativen, koharenten Phanomenen, angesprochen .
Der Vorstellungen der Moskauer synergetischen Schule nach, erforscht die Synergetik nicht nur die Bildung lokalisierter raumlicher und zeitlicher Strukturen in nichtlinearen dissipativen Medien (Systemen), sondern auch die konstruktiven Prinzipien der Koevolution komplexer Strukturen in der Welt . Weil die Synergetik ihrem Status nach interdisziplinar ist, es ist moglich aus synergetischer Schau heraus, die allgemeinen Prinzipien der Koevolution der Natur und der Menschheit, der Koevolution und der nachhaltigen gemeinsamen Entwicklung souveraner Staaten und geopolitischer Gebiete in eine Weltgemeinschaft, der Integration des Osten und Westen, des Norden und Suden darzustellen. Mann kann darauf hoffen, neue Prinzipien der Vereinigung menschlicher Personlichkeiten und kultureller und historischer Gemeinschaften zu bestimmen, einen Raum fur eine konstruktive Kommunikation, einen schopferischen Dialog zwischen Menschen, zwischen Tragern von verschiedenen Denkweisen, kulturellen Traditionen und Lebenswerten zu organisieren.
Vom Gesichtspunkt der Synergetik konnen neue Sinne in den Vorstellungen von russischen Kosmisten uber das Chaos in der Evolution, das Wachstum der Komplexitat und der Entstehung der Noosphare, die gemeinsame schopferische Tatigkeit der Menschen ersehen werden. Man sollte hier die Ansichten von N.A.Berdjaev, S.N.Bulgakov, P.A.Florenskii, N.F.Fijodorov, V.S.Solovijov, N.A.Umov, W.N.Wernadskii, K.E.Ziolkovskii erwahnen.
Die Synergetik kann man als ein post-darwinisches Paradigma der Evolution betrachten. Wogegen die darwinische Theorie der biologischen Evolution auf dem Schema "blinde Variationen und selektives Aufheben" aufbaut, tragt die Synergetik zum Verstandnis fur die Mechanismen der Evolution etwas wesentlich Neues bei. Das synergetische Weltbild ist das Bild der Hierarchie selbstorganisierender und koevolutionierender Strukturen.

1. Die diskreten Spektra moglicher Wege der Evolution

Die Variationen sind keine absolut zufallige, "blinde" Veranderungen. Von Anfang an gibt es gewisse Vorzuge zu bestimmten Formen. Nicht nur lebende, sondern auch nicht lebende Natur zeigt innere "Neigungen" zu festgelegten Formen. Vladimir Solovijovs Aussage nach, die Natur demonstriert "ein Streben und ein Wollen nach dem Leben" . Aber nur bestimmte Satze von Formen sind durchfuhrbar. Ein evolutionares Verbot ist uber andere mogliche Formen verhangt. Sie sind einfach instabil, und wenn man versucht, sie zu bilden, entwickeln sich solche Strukturen sehr schnell zu stabilen Formen. Man nennt solche Formationen der Natur bei der Struktur-Attraktoren.
Also gelangen wir zu folgendem Schlu?: Es gibt keine beliebigen Strukturen, die in einem gegebenen nichtlinearen System unterstutzt werden konnen. Nur die Strukturen, die mit den inneren evolutionaren Trends des Systems ubereinstimmen, konnen entstehen. Und nichts anderes, nur ausgewahlte relativ stabile Strukturen konnen in diesem System aufgebaut werden. Das ist eine Art von evolutionaren Verbotsregeln.
Auf keine Weise alle moglichen Gebilde der Natur erweisen sich als gezeigt, realisierbar auf jeder Evolutionsstufe. Viele Strukturen bleiben, in einer verborgenen, versteckten Welt, in einer gewissen "weltumfassenden Schatzkammer der Gebilden" zu existieren. "Werkzeuge werden von dem Leben in seiner Tiefe, keineswegs auf der Oberflache der Spezialisierung geschaffen, jeder von uns hat in seiner Tiefe potentiell unterschiedliche und vielfaltige Organe, die in seinem Korper verborgen sind", - hat P.A.Florenskii einmal bemerkt .
Die Spektren evolutionarer Struktur-Attraktoren sind ausschlie?lich von den eigenen Eigenschaften des entsprechenden komplexen Systems (des offenen nichtlinearen Mediums) bestimmt. Sie sind vorherbestimmt, potentiell gesteckt in diesem System. Die Struktur-Attraktoren sind seine inneren Potentiale, sozusagen, ein "stillschweigendes Wissen" des Systems selbst. Sie sind ein "Geist des Werdens" des Systems.
Das selektive Aufheben und die Auslese von Formen geschehen auf der Grundlage eines vorhandenen Spektrums evolutionarer Wege. Jedes komplexes System hat nicht einen einzigen evolutionaren Weg, sondern eine gro?e Anzahl von evolutionaren Wege, die von einem Spektrum Struktur-Attraktoren bestimmt sind. Es gibt verschiedene Varianten der Entwicklung. S.N.Bulgakovs Worten nach, "die Welt ist plastisch, sie kann umgestaltet werden, und sogar auf verschiedene Art und Weise" . Die Welt kann wirklich umgestaltet werden. Aber keineswegs auf beliebige Weise, sondern im Einklang mit eigenen Formen, mit den Spektren der Struktur-Attraktoren der Evolution. Die schopferische, konstruktive Tatigkeit des Menschen hat naturliche Beschrankungen in Form eigener verborgener Kraften komplexer naturlicher und sozialer Systeme.

2. Das Chaos als eine Grundlage fur eine Innovation

Man mu? vor dem Chaos, das die geordneten Strukturen zerfri?t, keine Angst haben. Im Gegenteil, die Strukturen der Selbstorganisation entstehen auf eine chaotische Grundlage und dank dem Chaos. Das Chaos dient als ein Mechanismus des Ausgangs zu neuen geregelten Strukturen, des Auftretens etwas Neues. Das Chaos wird von der Synergetik als ein "lebhafter, aktivierter" (V.S.Solovijov) und kreativer Element verstanden. Die Schonheit und den konstruktiven Charakter des Chaos zu sehen, das ist tour de force, eine echte Heldentat der Synergetik. Das Kleine und das Chaotische sind herrlich, weil sie Moglichkeiten fur die Geburt des Neues eroffnen. Vom Gesichtspunkt der Synergetik kann die Schonheit als ein intermediares Phanomen zwischen dem Chaos und der Ordnung betrachtet werden. Die Schonheit ist keine volle Symmetrie, sondern eine gewisse Verletzung der Symmetrie (der Ordnung).
Die Synergetik erlaubt uns, eine Zerstorung als ein kreatives Prinzip zu verstehen. M.Bakunin hat einmal gesagt, da? "die Leidenschaft fur eine Zerstorung die schopferische Leidenschaft ist". Das ist wirklich so, weil ein anziehendes Neue nur bei der Befreiung von dem Vergangenen, bei der Wendung evolutionarer Prozesse in entgegengesetzter Richtung, in ein anderes Regime geschaffen werden kann.
Die Synergetik findet also die kreative Rolle des Chaos (zufallige Fluktuationen) in evolutionaren Prozessen, die in nichtlinearen komplexen Systemen ablaufen, auf. Wann und welcher Zufalligkeit gelingt es, auf die makroskopische Ebene eines Systems durchzubrechen und das Gesamtbild der Ereignisse zu bestimmen? Die Synergetik kann auf diese Frage eine konstruktive Antwort geben.
Dafur ist ein besonderer Zustand eines komplexen Systems notwendig. Das ist der Zustand seiner Instabilitat, man sagt auch, der Zustand vor einem Bifurkationspunkt. Im Grunde genommen bezeichnet die Instabilitat eine Empfindlichkeit eines Systems gegenuber geringen Fluktuationen, die immer vorhanden sind. Der Zustand der Instabilitat schlie?t tatsachlich etwas ein, das zur Herstellung einer Verbindung zwischen Mikro- und Makroma?staben fuhrt. Eben unter diesen Bedingungen konnen kleine Schwankungen die Gestalt von einer entstehenden selbstorganisierenden Makrostruktur bestimmen.
Fur die Selbstorganisation, bzw. die Lokalisation einer Struktur in einem Medium, mussen drei Faktoren vorhanden sein:

  • Es mu? ein offenes System (Medium) sein, d.h. es mu? einen Zuflu? von Stoffen, Energie oder Information geben. Der Zuflu? wiegt der Verluste, die mit der Dissipation verbunden sind, auf.
  • Die Nichtlinearitat ist notwendig. Sie bedingt bestimmte Beziehungen zwischen verschiedenen Bewegungsformen, die zur selektiver Empfindlichkeit des Systems in bezug auf die au?ere Einflusse fuhren.
  • Es ist notig, einen Faktor zu haben, der alle uberflussigen Bewegungsformen, die infolge der Nichtlinearitat keine energetische Unterstutzung haben, beseitigt, 'herausfri?t'. Das kann die Dissipation oder ihr gewisses Analogon sein.
    Die kreative Rolle des Chaos zeigt sich in der Evolution auf dreierlei Art.
1. Vor allem bringt das Chaos eine 'Kraft', die auf einen Trend der Selbststrukturierung eines nichtlinearen Systems wirkt, hervor. Das ist eigentlich ein Mechanismus, der dem Zugang zu einem der evolutionaren Struktur-Attraktoren zugrunde liegt. Eine Makroorganisation bildet sich aus dem Chaos auf mikroskopischem Niveau heraus. Die dissipative Prozesse sind eine makroskopische Auffindung des Mikrochaos und funktionieren in ahnlicher Weise, wie ein Bildhauer, der eine Statue aus einem Stuck vom Marmor mei?elt und sticht.
2. Au?erdem dient das Chaos als eine Basis fur die Integration von relativ einfachen evolutionaren Strukturen in eine kompliziertere Struktur. Hier erweist sich das Chaos als ein Mechanismus der Koordination der Tempos der Evolution.
3. Das Chaos, d.h. unerhebliche Fluktuationen auf mikroskopischer Ebene, kann ebenfalls eine Weise der evolutionaren Umstellung, des Uberganges von einem evolutionaren Regime zu einem anderen sein.

 

3. Die Brucken zwischen lebender und nicht lebender Natur

Die Synergetik zeigt, da? die hierarchische Treppe evolutionarer Gebilde ununterbrochen ist. "Das Weltall ist am Leben, aber die Kraft der Empfindlichkeit tritt in aller Pracht und Herrlichkeit nur bei den hochsten Tieren hervor". "Das Atom ist immer lebendig und immer glucklich, trotz den riesigen Abstanden des Nichtseins oder Zustanden im unorganischen Stoff" . Diese Gedanken uber die Beseeltheit der kosmischen Materie wurden von dem "Traumer aus Kaluga", K.E.Ziolkovskii ausgesprochen. Bis vor kurzem konnten solche Vorstellungen fur naiv gehalten werden. Man konnte sagen, da? eine alte Lehre des Hylozoismus hier wiederbelebt wurde. Die Synergetik entdeckt einen tiefen Sinn in diesen Vorstellungen.
Die Synergetik schlagt gewisse Brucken zwischen der nicht lebenden und lebenden Natur, zwischen dem zielgerichteten Verhalten naturlicher Systeme und der vernunftigen Tatigkeit des Menschen, zwischen dem Proze? der Geburt etwas Neues in der Natur, der sogenannten "Kreativitat der Natur" und der schopferischen Aktivitat des Menschen. Im Toten sucht man nach Eigenschaften des Lebenden, nach Elementen der Selbsterganzung, nach etwas Ahnlichen der schopferischen Intuition, wahrend im Lebenden sucht man nach dem Toten, und zwar nach solchen Eigenschaften, die im Toten schon vorherbestimmt werden, von den Gesetzen der Evolution des Weltall determiniert werden. Wenn man dem Geist der Synergetik folgt, erweist es sich als moglich, gewisse Parallelen zwischen den Gestalten und Formen der Natur und den Zeichnungen der Gedanken und Handlungen des Menschen, zwischen der Geometrien der Natur und Geometrien des menschlichen Verhalten zu ziehen. "Und uberall in der lebenden Natur ist dieselbe Methode vorhanden", - hat N.A.Umov Notizen gemacht . V.N.Muravijov hat uber die Moglichkeit einer allgemeinen Mathematik nachgedacht . Uberall, in der Natur und in der Kultur, stellen sich universelle Muster der Selbstorganisation (patterns of structure formation), der Synthese und des Zerfalls komplexer Strukturen heraus. Die Muster des Verhaltens des Menschen in der wissenschaftlichen und kulturellen Gemeinschaft (gerade die Formen, nicht der Inhalt seines Verhaltens, das von einem konkreten kulturellen und historischen Kontext abhangt!) sind voraussichtlich ebenso stabil, haufig, konservativ, wie die Gebilde der Knochen, Zahne, korperlicher Strukturen in der lebenden Natur.


4. Ein enger Zusammenhang zwischen dem Raum und der Zeit

Die Synergetik entdeckt eine tiefe Verbindung zwischen den raumlichen und temporalen Eigenschaften in den evolutionaren Struktur-Attraktoren. "Ein gro?es Ratsel gestern-heute-morgen, das uns standig in Verlegenheit bringt, solange wir leben, verbreitet sich auf die ganze Natur. Der Raum - die Zeit ist keine stationare abstrakte Konstruktion oder Erscheinung. In der Erscheinung gibt es gestern-heute-morgen. Sie als das Ganze wird von diesem gestern-heute-morgen allumfassend durchdrungen" . Kann die Synergetik dieses Ratsel der Natur losen?
Die raumliche Konfiguration einer komplexen evolutionaren Struktur ist informativ. Es scheint, als ob die Zeit in dieser Struktur aufgehoben wurde. Es bedeutet, da? verschiedene temporale Stadien der Evolution dieser Struktur in einer umgestalteten Form in ihr vorhanden sind, in ihrer Architektur "eingedruckt sind". Die Information uber die Geschichte und die Perspektiven der Evolution dieser Struktur kann man herausziehen, wenn man einen synchronistischen Schnitt der gegebenen Struktur gegenwartig analysiert.
Bestimmte Fragmente (raumliche Gebiete) des synchronistischen Schnittes der Struktur zeigen den Charakter der vergangenen Entwicklung der Struktur in ihrer Gesamtheit, und andere Fragmente sprechen fur den Charakter ihrer zukunftigen Entwicklung. Anders ausgedruckt, eine komplexe Struktur kann als eine raumliche Mantelflache der diskreten, ausgesuchten evolutionaren Stadien der Entwicklung dieser Struktur dargestellt werden. Diese interessante Gesetzma?igkeit der raumlichen Organisation komplexer evolutionaren Strukturen ergibt sich aus jener Tatsache, da? die Struktur-Attraktoren der Evolution werden von invarianten Gruppenlosungen geschrieben. Wie bekannt, sind der Raum und die Zeit in den Invarianten nicht frei: der Raum und die Zeit stehen hier auf bestimmte Weise in wechselseitigem Zusammenhang.
Die Sache verhalt sich so, als ob die Zeit gewisse raumliche Eigenschaften gewinnen wurde, und der Raum gewisse temporale Eigenschaften finden wurde, als ob die Zeit sich in den Raum umgestalten wurde. "Zum Raum wird hier die Zeit" , - hat A.K.Gorskii auf einen Denkspruch von Richard Wagner aufmerksam gemacht. "Es ist vollkommen klar, da? der Raum aufhort, einen unbeweglichen Raum der Geometrie zu sein. Er wird einen instabilen, dynamischen, flussigen Raum", - schrieb W.N.Wernadskii .
Unter dem Gesichtswinkel der Synergetik klaren sich mogliche Sinne einiger paradoxer poetischer Gestalten, solcher wie "die Vergangenheit ist noch voraus" (Marina Zvetaeva), "das Spatere greift dem Fruheren vor" und "die Zukunftsgeladenheit des Gegenwartigen" (Nocolai Hartmann), "die Erinnerung an die Zukunft" auf. Die Zukunft ist "da und jetzt", sie ist das Verborgene in der Gegenwart. Der Verlauf der Prozesse in der Gegenwart hangt von der Einstellungen, von evolutionarer Struktur-Attraktoren ab.

5. Der evolutionare Aufstieg zu mehr und mehr komplexen Strukturen

Die Synergetik betrachtet die Evolution der Welt als die Evolution nichtlinearer hierarchisch subordinierter Medien. Sie entwickelt weiter die Auffassungen der russischen Kosmisten, da? "die Natur eine organische Hierarchie der lebenden Geschopfe ist" (N.A.Berdjaev) . Die hierarchische Treppe schlie?t sowie die Stufen des Lebenden, als auch die Stufen des Nicht Lebenden ein. Die Evolution wird als das Schaffen immer komplexerer nichtlinearer Medien (Systeme) dargestellt. Die Medien sind fahig, immer mehr und mehr Anzahl von einfachen Strukturen zu vereinigen und immer komplexere Organisation aufzubauen. Jedes neues Medium mit neuen Eigenschaften und neuen Nichtlinearitaten hat sein eigenes Spektrum der Formen.
Beim Aufstieg auf die evolutionare Treppe findet eine Beschleunigung der Tempos der Evolution statt. Die Evolution der Welt ist nicht einfach eine Bildung immer verwickelter Strukturen. Beim Aufstieg auf die Stufen der Komplexitat vom Anorganischen zum Lebenden und vom Lebenden zu den Menschen werden die Prozesse immer dichter "eingepackt", immer starker eingeschrankt, und sein Lauf nimmt an Geschwindigkeit zu.

6. Die synergetischen Gesetze der Bildung eines evolutionaren Ganzen

Der Weg des evolutionaren Aufstiegs ist der Weg der Entstehung immer komplexerer ungeteilter Gebilde. Das ist der Weg der Integration der gro?en Anzahl der Strukturen und Formen in einheitliches Ganze. Der Weg der Verwandlung der Biosphare in die Noosphare, d.h. in die Sphare der kosmischen Vernunft, ist, nach W.N.Wernadskii, mit dem allmahlichen Umbau der ganzen Biosphare "in den Interessen der freilich denkenden Menschheit als Ganzen" verbunden .
Das Streben nach einem evolutionaren 'Ziel', d.h. nach einem der evolutionaren Struktur-Attraktoren, ist eng mit dem Aufbau eines Ganzen, einer einheitlichen ganzen Struktur verbunden. Das Erreichen des 'Zieles' bedeutet in gewissem Sinn die Entstehung eines evolutionaren Ganzen. Die Synergetik erlaubt uns, die Gesetzma?igkeiten der Koevolution der komplexen Systemen 'verschiedener Altersstufen' zu entdecken. Die Rede ist von den Strukturen, die auf den unterschiedlichen Stadien der Evolution sind und unterschiedliche Geschwindigkeiten (Tempos) der Evolution haben. Sie erforscht auch die Gesetzma?igkeiten der 'Einschlie?ung', des 'Einbauens' einer einfachen Struktur in eine komplexere Struktur .
Die wichtigste Idee der Synergetik ist das Bestehen diskreter Spektren moglicher Wege in die Zukunft (Struktur-Attraktoren). Au?erdem existiert eine beschrankte Menge der moglichen Weisen der Vereinigung des Einfachen in das Komplexe, des Konstruierens immer komplexerer Strukturen aus relativ einfachen Strukturen. Es gibt verschiedene, aber keine beliebige, Weisen der Vereinigung einfacher Strukturen in komplexen Strukturen. Keine beliebige evolutionare Struktur kann mit jeder anderen vereinigt werden, und keineswegs in einer beliebigen Weise. Es gibt einen begrenzten Satz der Weisen der Integration, anders ausgedruckt, diskrete Wege des Aufbaues eines komplexen evolutionaren Ganzen.
Im Verlauf des Prozesses der Vereinigung ist ein bestimmter Grad des Zusammenhangs und der Uberdeckung sehr wichtig. Eine bestimmte Topologie, eine 'Architektur' der Uberdeckung mu? vorhanden sein. Ein positives 'Gefuhl fur das rechte Ma?' ist notwendig.
Die Vereinigung verschiedener evolutionarer Strukturen geschieht ihrer 'Architektur', der Topologie der Organisation und ihren Entwicklungsgeschwindigkeiten entsprechend. Das Grundprinzip der Vereinigung einzelner Teile in einem komplexen Ganzen kann man so formulieren: die Synthese der relativ einfachen sich entwickelnden Strukturen in einer komplexeren Struktur geschieht durch die Festlegung eines gemeinsamen Tempos ihrer Entwicklung. Die Tatsache der Integration bedeutet, da? die Strukturen, die Teile eines Ganzen werden, ein gemeinsames Tempo der Entwicklung erlangen. Die Strukturen beginnen, in einer und derselben Tempowelt zu existieren, d.h. sich mit einer und derselben Geschwindigkeit zu entwickeln. Man kann von einer Koexistenz der Strukturen "verschiedener Altersstufen" in derselben Tempowelt sprechen.
Au?erdem kann, im Falle der richtigen Topologie der Vereinigung, d.h. im Falle eines bestimmten Grads der Wechselwirkung, eine wachsende einheitliche Organisation das Tempo ihrer Entwicklung beschleunigen.
Diese neue wissenschaftlich fundierte Vorstellung uber die Evolution kann man wahrscheinlich als eine Art von evolutionarem Holismus betrachten.

7. Was kann der Mensch in der Welt schaffen und was ist im Prinzip unmoglich?

Die russischen Kosmisten haben uber gro?e Moglichkeiten der menschlichen schopferischen Tatigkeit im Weltall viel nachgedacht. Sie haben von der wesentlichen Ausdehnung der Sphare des Menschen im Kosmos und der Erschie?ung neuer Medium des Wohnens getraumt. Die Menschen, wenn sie gemeinsam und ubereinstimmend handeln, konnen au?erordentlich viel tun. N.F.Fijodorov hat, zum Beispiel, einen Projekt erarbeitet, die Erde selbst als ein kosmischer Apparat zu nutzen und sie abzuschie?en, um die Menschheit vor moglichen zukunftigen Erdkatastrophe zu retten. Das ist die Schlusselidee seiner Philosophie der gemeinsamen Sache.
Aber was ist eine effektive gemeinsame Handlung? Welche menschliche Handlung wird sicher Erfolg haben? Und welche Handlung ist zum Mi?erfolg verdammt? Wie soll der Mensch verfahren, um vieles zu erreichen? Die Synergetik gibt ihre Antworten auf diese spannenden Fragen.
Die kunftigen Zustande komplexer Systeme entgehen unserer Kontrolle und Voraussage. Die Zukunft ist offen und mehrdeutig. Aber zugleich sind die Spektren der "Ziele", der evolutionaren Struktur-Attraktoren, in nichtlinearen Systemen vorhanden. Einige Schlu?folgerungen fur die menschliche Tatigkeit konnen aus diesen synergetischen Vorstellungen gezogen werden. Es geht hier um bestimmte Regeln des nichtlinearen Managements. Sie sind die folgenden:

  • Die mehrdeutige Zukunft erfordert Weisen eines besonderen weichen Managements. Dies ist ein Management durch "kluge" und passende Einflusse. Schwache, aber entsprechende, d.h. resonante, Bemuhungen sind sehr wirksam. Sie mussen mit den inneren Moglichkeiten eines Systems ubereinstimmen. Korrekte resonante Handlungen konnen zur Freisetzung riesiger innerer Krafte und Fahigkeiten eines komplexen Systems fuhren, ware es ein Mensch oder eine soziale (kulturelle, wissenschaftliche) Gemeinschaft. Folglich entdeckt die Synergetik ein Prinzip wieder, das in der Geschichte der Philosophie wohlbekannt ist: kleine Ereignisse konnen gro?e Ergebnisse hervorrufen.
  • Die Kunst des weichen Managements besteht in Mitteln eines Selbstmanagements und einer Selbstkontrolle komplexer Systeme. Wie man ein komplexes System auf den passenden Weg ohne grobes Management leiten kann, ist ein Hauptproblem. Wie kann man ein System zu einem gunstigen evolutionaren Weg mittels eines geringen, resonanten Einflusses leicht ansto?en? Wie konnen wir ein System mit einem sustainable development versorgen? Im Grunde genommen stehen diese synergetischen Vorstellungen mit den Verhaltensregeln ostlicher Volker im Einklang, zuallererst mit dem Prinzip der Nichtgewalt.
  • Einige menschliche Handlungen sind zum Mi?erfolg verdammt. Sie mi?lingen, weil sie mit den inneren Trends der Entwicklung eines komplexen Systems nicht ubereinstimmen. Wenn sie keine geeigneten, passenden Handlungen sind, werden alle Bemuhungen ganz bestimmt vergeblich. Man mu? entweder nach Mitteln und Wegen der Veranderung der eigenen Eigenschaften eines gegebenen komplexen Systems suchen, oder auf die Versuche, ein System auf eine ihm nicht eigentumliche Bahn zu zwingen, vollig verzichten.
  • Es ist eine bestimmte Organisation der Handlung notig. Es zeigt sich, da? der leitende Einflu? kein energischer, sondern ein auf richtige topologische Weise organisierter sein mu?. Nicht die Intensitat eines Einflusses, sondern seine topologische Konfiguration, symmetrische Architektur ist wichtig. Die resonante Handlung besteht in einem Einflu?, der im Raum verteilt ist. Das ist eine Art von Anregung an den richtigen Platzen und zur richtigen Zeit.
    Ein ganzes System von richtigen korperlichen Stellungen (Asanas) und gebuhren- den geistigen Einflussen (Mandalas, Mantras, besonderen Labyrinthen fur ursprungliche Entspannung eines Gehirns) wurde in den ostlichen Lehren, wie Buddhismus und Yoga, bis ins Kleinste entwickelt. Alle diese direkten und indirekten Einflusse regen das geistige Feld auf richtige topologische Weise an und tragen folglich zum Erreichen der hochsten Zustande eines meditierenden Bewu?tseins bei.
  • Die Synergetik stellt fest, wie es moglich ist, die aufgewandte Zeit und benotigten Krafte vielfach zu reduzieren und die wunschenswerten und, was nicht weniger wichtig ist, durchfuhrbaren Strukturen in einem komplexen System mit Hilfe von einem resonanten Einflu? hervorzubringen. Das Schwache besiegt das Starke, das Weiche besiegt das Harte und das Leise siegt uber das Laute. Die neue Wissenschaft uber die Komplexitat erlaubt, einen synergetischen Sinn in der altertumlichen Auffassung zu entdecken.


Einige Schufolgerungen

Ich mochte nun das Obengesagte zusammenfassen. Die Welt geht zu einer Einheit durch die Integration verschiedenartiger Strukturen, die in den unterschiedlichen Tempowelten leben. Die Synergetik entdeckt die Prinzipien der nichtlinearen Synthese einfacher Strukturen in komplexe Strukturen:
1. das Vorhandensein von verschiedenen, aber keinen beliebigen Weisen der Vereinigung der Strukturen in eine komplexe Struktur,
2. die Bedeutung der richtigen Topologie, der "Konfiguration" der Vereinigung des Einfachen in das Komplexe,
3. die Verbindung der Strukturen als verschiedener Tempowelten,
4. die Moglichkeit - im Falle der richtigen Topologie der Vereinigung - der bedeutenden Okonomie materieller und geistiger Aufwande und der Beschleunigung der Evolution des Ganzen.
Die Muster der Selbstorganisation, die Struktur-Attraktoren der Evolution, die nur von den nichtlinearen Eigenschaften entsprechender komplexer Systeme abhangen, gehen den evolutionaren Prozessen als etwas im voraus Fertige voran. Sie bedeuten das Gebuhrende. Sie bestimmen, wonach die Prozesse streben, d.h. innere Ziele - die Symmetrie, die Schonheit, die Wahrheit. Der Weg in die Zukunft ist nicht ein einzig. Es gibt diskrete Spektren moglicher Richtungen der Evolution. Die Weisen der Integration der Strukturen in eine komplexere Struktur sind auch verschieden und mehrdeutig.
Die Synergetik spricht fur die Notwendigkeit eines Stadiums des zufalligen Wanderns in den evolutionaren Labyrinthen der Welt, solches Stadiums, das den Ereignissen des Hesausfallens auf die Struktur-Attraktoren der Evolution vorangeht. Dies ist ziemlich tiefes Modell, das den Elementen der Vorherbestimmung und der Offenheit; der Vollendung eines Kreises und der Erreichung eines Zieles - einerseits, und der Unbestimmtheit der zufalligen Umherirren in den Labyrinthen - anderseits, in sich vereinigt. Dieses Modell tragt in sich einige archetypische Sinne der Symbolik des Mandalas.
Die Synergetik kann als breites und aussichtsreiches Forschungsprogramm betrachtet werden. Die Synergetik als ein Forschungsverfahren ist fruchtbringend in vielen verschiedenartigen Fachbereichen sowohl in den Naturwissenschaften, als auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Man kann wohl annehmen, da? eine neue Art von wissenschaftlicher Forschung in der zweiten Halfte des 20. Jahrhunderts begonnen hat, sich herauszubilden. Das ist nicht einfach eine interdisziplinare, oder multidisziplinare, Forschung, obwohl es zur Zeit guter Ton ist, in einer interdisziplinaren Untersuchung engagiert zu sein. Das ist eine Art von 'Ferment' oder 'Katalysator', der die Grunddisziplinen nicht ersetzen kann und will, wohl aber die Entwicklung des Wissens in ihrem Rahmen fordert. Das ist genau die Rolle der Synergetik heute. Der Brennpunkt der interdisziplinaren Untersuchung kann sich im Laufe der Zeit verandern, aber das Wesen einer solchen interdisziplinaren Struktur, die auf das Erlernen der Komplexitat im allgemeinen basiert, bleibt dasselbe.
Die philosophischen Schlu?folgerungen der Synergetik konnen der holistischen Philosophie des XXI. Jahrhunderts zugrunde gelegt werden. Die Methodologie der nichtlinearen Synthese, die sich auf die wissenschaftlichen Prinzipien der Selbstorganisation und der Koevolution komplexer Strukturen in der Welt stutzt, kann als eine neue Grundlage fur die Projektierung verschiedener Wege der Menschheit in die Zukunft benutzt werden . Dank der Synergetik gewinnen wir die Philosophie der Hoffnung.

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